SCHMIDT KUNSTAUKTIONEN DRESDEN AUKTION 83     08.11.25

307   Max Beckmann "Liebespaar II". 1918.

Kaltnadelradierung auf chamoisfarbenem Bütten. In Blei signiert "Beckmann" an der u.re. Plattenkante. Mit dem Trockenstempel der Ganymed-Presse der Marées-Gesellschaft am u.re. Blattrand. Blatt 5 der Folge "Gesichter" mit 19 Arbeiten. Gedruckt bei Franz Hanfstaengl, München, herausgegeben vom Verlag der Marées-Gesellschaft, R. Piper & Co., München, 1919. Eines von 60 Exemplaren der Ausgabe auf Bütten, Gesamtauflage 100 Exemplare. Im Passepartout.
WVZ Hofmaier 126 II B b (von D), mit leicht abweichendem Höhenmaß.

Die Blätter der Mappe "Gesichter" stellen keine erzählerische Abfolge dar, sondern zeigen verschiedene Momentaufnahmen des menschlichen Lebens. In verschiedenen Größen und Formaten und mit unterschiedlichen Sujets spiegeln die Arbeiten den vielschichtigen Charakter menschlicher Existenz wider: Kinder spielen Kriegsspiele, während blutige Soldaten auf Operationstischen liegen; unerreichbare Sehnsucht koexistiert mit den leeren Freuden der gekauften Liebe; Menschen langweilen sich und sind einsam, ob zu Hause oder in der Stadt, allein oder in der Menge.
Beckmann, ein aktiver Teilnehmer, erscheint in mehreren Selbstporträts, darunter jeweils eines am Anfang und am Ende. In der gesamten Folge übertrieb der Künstler die Gesichtszüge, verzerrte den Raum und nutzte die kratzige Textur der Kaltnadelradierung für eine ausdrucksstarke Wirkung.

Ursprünglich plante Beckmann die Veröffentlichung von zwei separaten Mappen – eine mit Bildern aus dem Krieg und eine weitere, die den Titel "Welt-Theater" tragen sollte und das Leben in der Großstadt illustrierte. Stattdessen wählte Julius Meier-Graefe, ein bedeutender Kritiker und Verfechter der modernen Kunst, bisher unveröffentlichte Kaltnadelradierungen aus, die Beckmann zwischen 1915 und 1918 anfertigte, und veröffentlichte diese eine Mappe. Er schlug auch den Titel vor. "Gesicht" kann verschiedentlich gedeutet werden – Antiltz, Anblick, Erscheinung und Vision – und ist reich an literarischen Assoziationen, die insbesondere an Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" erinnern, in dem der Begriff die vielen Facetten der menschlichen Existenz vermittelt. (Vgl. Museum of Modern Art, New York, Portfolio_Beckmann_Faces, https://www.moma.org/s/ge/collection_ge/object/object_objid-144132.html, abgerufen am 24.09.25).

Eine sehr unscheinbare Knickspur im weißen Rand der o.li. Ecke. Verso u.re. mit einer kleinen, montierungsbedingten Bereibung.

Pl. 21,5 x 25,9 cm, Bl. 29,5 x 36,7 cm.

Schätzpreis
4.500 €
Zuschlag
3.800 €