511 Ernst Barlach "Russische Bettlerin mit Schale". 1906.
Bronze, gegossen, braunschwarz patiniert. Auf der Plinthe geritzt signiert "E. Barlach" und nummeriert "1/12". Auf der Plinthenrückseite mit dem Gießereistempel "H. NOACK BERLIN" versehen. Posthumer Abguß.
Zu Lebzeiten Barlachs entstanden keine Abgüsse, erst ab 1979 wurden 12 nummerierte Exemplare gegossen.
WVZ Laur II 105; WVZ Schult I 61 (Mutz-Keramik).
Von dem Motiv entstand 1906 ein Gipsmodel des Kopfes (WVZ Laur 102), eine Ausführung in Steinzeug 1907 (WVZ Laur 103), Gips- und Stuccoabgüsse nach der Keramik (siehe WVZ Laur 103) sowie eine Ausformung in Porzellan um 1912/1913 (WVZ Laur 104).
Der plastischen Ausführung liegen zwei Bleistiftzeichnungen in einem Taschenbuch, Russland 1906 zugrunde (Ernst Barlach Stiftung Güstrow, Inv.Nr. TZ 26, WVZ Schult III 340).
Nach dem Abschluß seines Studiums in Dresden 1895 und einem zweijährigen Parisaufenthalt ließ sich Ernst Barlach 1901 in seiner Heimatstadt Wedel nieder. 1906 kam es jedoch zu einer schweren Identitätskrise, die durch Depressionen und künstlerische Selbstzweifel ausgelöst wurde.
In der Hoffnung auf neue Impulse unternahm der Künstler gemeinsam mit seinem Bruder Ernst im gleichen Jahr eine Reise nach Russland. Wie ergiebig, anregend und voll intensiver Eindrücke diese Reise gewesen sein muß, zeigt sich in den zahlreichen, dort entstandenen Skizzen. Barlach führte gleichzeitig ein Tagebuch, welches 1912 unter dem Titel "Eine Steppenfahrt" erschien und vom Künstler mit 13 Lithografien illustriert wurde. Die ernste Würde der Landbevölkerung und die Begegnung mit der russischen Volkskunst sollten entscheidenden Einfluß auf sein zukünftiges plastisches Werk haben.
Zeigte sich vor 1906 in Barlachs Arbeiten noch der Einfluß des Jugendstils, führte die Reise jedoch zu einem fundamentalen ästhetischen und thematischen Neubeginn. Die Skulptur der Bettlerin wird definiert durch eine kühne, nahezu derbe Vereinfachung der Form, wichtigste Ausdrucksträger sind Gesicht und Hände. Als er 1907 im Frühjahrssalon der Berliner Sezession ausstellte, zogen die zunächst als Keramiken von der Töpferwerkstatt Mutz ausgeführten Plastiken "Russische Bettlerin mit Schale und "Blinder russsicher Bettler" die Aufmerksamkeit der Kritiker auf sich. Barlach beschrieb das Echo auf seine Figuren folgendermaßen:
"Es gab ein Aufatmen in meinem Gemüt und einen hübschen kleinen Tumult in meinem Kopfe, als ich mit zwei solchen Püppchen, wie die feiste Bettlerin und der betend lamentierende Bettler waren, den Beifall eines halben Duzend Männer fand, deren Urteil ich nur zu gerne als unzweifelhaft verläßlich ansah. Der über alle Maßen selbstlose Gaul zeigte fast mehr Freude über diesen Anfang als ich selbst haben konnte. (Ernst Barlach, Ein selbsterzähltes Leben, 1928)
August Gaul, bekannter Bildhauer und guter Freund, machte Barlach mit dem Galeristen und Verleger Paul Cassirer bekannt, der in der Folge den Lebensunterhalt des Künstlers sicherte. Gegen ein festes Jahresgehalt übernahm er alle künstlerischen Arbeiten. Diese Förderung und finanzielle Unabhängigkeit trugen zweifelsohne dazu bei, daß Barlach zu innerer Ausgeglichenheit, Genesung und der Möglichkeit zur Konzentration auf sein künstlerisches Schaffen zurückfand.
Die Russlandreise wurde folglich zum Ausgangspunkt für die Entwicklung der eigenständigen künstlerischen, zwischen Realismus und Expressionismus oszillierenden Handschrift einerseits sowie der materiellen Absicherung und der seelischen Festigung andererseits. Ernst Barlach fand zu seinem Hauptmotiv - dem Menschen in unterschiedlichen seelischen Verfassungen. Gleichzeitig begann er mit der Abstraktion und Reduzierung der Formen, was oftmals mit verstärkter psychischer Ausdruckskraft und einer monumentalen Wirkung seiner plastischen Arbeiten einherging.
Patina partiell mit unscheinbaren, tröpfchenförmigen Spuren.
H. 28,5 cm, B. 29,8 cm, T. 22,5 cm.