059 Hermann Glöckner "Helle Insel in rotem Grund vor Gelb" (Tafel). 1956.
Tempera auf präpariertem Zeitungspapier auf kräftiger Pappe. Zunächst aufgelegte Papierstücke wurden schablonenartig überstrichen und wieder entfernt. Danach unregelmäßige Übermalung. Später von Künstlerhand lackiert. Die Kanten unbearbeitet und partiell mit Graphitstrichen, die Ecken abgeschrägt. In Graphit ausführlich datiert "22.1.56" u.re., u.li. technikbezeichnet "Tempera" und darüber "Zeitung". Verso mit grünlichem Seidenpapier kaschiert, in Graphit signiert "Glöckner" u.li., datiert "220156" u.re. sowie "220156 + 300665 Lack Fula" (kopfstehend) o.li., von fremder Hand in Blei bezeichnet "Iphigenie" u.li. sowie mit der Nachlaßnr. "790" versehen. Hinter Glas in einem Wechselrahmen gerahmt, auf der Rückwand mittig in Dunkelviolett schabloniert monogrammiert "G".
WVZ Dittrich (Tafeln) 164.
Der Zeitungsausschnitt ist einer Rezension der Oper "Iphigenie auf Tauris" von Chr. W. Gluck entnommen. Die Montage entstand 1956, die Lackierung wurde 1965 nachgeholt.
Das so genannte Tafelwerk ist der wichtigste Bestandteil von Glöckners Gesamtschaffen. Es umfasst ungefähr 270 Objekte aus den frühen 1930er Jahren bis ca. 1980.
Ein wesentliches Charakteristikum der einzelnen Tafeln war es, daß sie nicht, wie Gemälde oder grafische Arbeiten eines Rahmens bedürften, sondern daß sie freie, handhabbare Objekte sein sollten. Der Umgang mit ihnen, durch die spezielle Oberflächenversiegelung ermöglicht, gehörte zum vom Künstler intendierten aktiven Rezeptionsprozeß. Die Tafeln sind nicht ohne ihre Verbindung zu den anderen Werkgruppen des Künstlers erklärlich. So gibt es zahlreiche späte Tafeln, die beispielsweise Faltungen integrieren, die wiederum zentrales Mittel von Glöckners skulpturalem Schaffen sind.
Die Materialien, aus denen die Tafeln bestehen, sind vielfältig. Hin und wieder finden sich, wie bei der "Helle[n] Insel", auch Zeitungsausschnitte in den Tafeln. Damit ist der Entstehungszeitpunkt permanent im Werk präsent. Anders als eine vom Künstler hinzugefügte Datierung verknüpft er das Kunstobjekt mit einem konkreten Ereignis, hier einer Theateraufführung von "Iphigenie auf Tauris" und ihrer Besprechung durch einen Kritiker. Im selben Jahr entstand eine Tafel (WVZ der Tafeln 167), die einen Zeitungsartikel über "des Kommunismus Bahnen" integrierte, in dem über den XX. Parteitag der KPdSU berichtet wurde, der dadurch in die Geschichte einging, daß Nikita Chruschtschow mit dem Stalin-Regime abrechnete.
Diese und andere Arbeiten Glöckners zeigen eine Grundhaltung, nach der Kunst zwar zuerst aus dem schöpferischen Geist, nicht jedoch im luftleeren Raum entstand. So wie der Künstler politische oder gesellschaftliche Ereignisse in seine Kunstwerke aufnahm, so sollten die Tafeln auf den Betrachter als sinnliche und geistvolle Objekte wirken.
Lack mit vereinzelten, oberflächlichen Kratzern, am Bildrand u. mit kleinen Materialverlusten. Verso atelier- sowie lack- und leimspurig.
18 x 23,4 cm (unregelmäßig), Ra. 27,5 x 33 cm.