SCHMIDT KUNSTAUKTIONEN DRESDEN AUKTION 71     26.03.22
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090   Werner Bielohlawek Metaphern der Verfremdung

Die Arbeiten des Künstlers Werner Bielohlawek oszillieren zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Das Gegenständliche der sichtbaren Welt liegt ihnen zwar zugrunde, doch lediglich als Ausgangspunkt, von dem aus sich in der künstlerischen Umsetzung eine umformende Verfremdung zu einer dynamischen Eigenqualität von Form und Farbe vollzieht.

Über viele Jahre hinweg beschäftigte sich Bielohlawek mit dem Thema des Vorhangs, der fließenden Textur stofflicher Umhüllung und Verhüllung. Aus kunsthistorischer Sicht ließe sich hier ein Bezug zum Gewandstil der spätgotischen Plastik herstellen, welcher in seiner expressiven Linienführung ähnliche Tendenzen der Entstofflichung und Entkörperlichung aufweist, wie die farbig fließenden Bahnen in Bielohlaweks Bildern. Schon in seinen Sportdarstellungen zeigt der Künstler eine virtuose Strichführung im skizzenhaften Erfassen der Bewegungen sowie eine Loslösung der Farben aus ihrer gegenständlichen Gebundenheit (vgl. z.B. "Hürden", 1988, Acryl auf Leinwand, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister, Inv.Nr. 90/04). Die linienhafte Gliederung der Bildfläche, hier noch innerhalb einer stärker figürlich betonten Wiedergabe, verselbständigt sich in den Vorhangbildern und entfaltet sich zum eigentlichen Bildthema einer farblich und linear durchgestalteten Fläche, inhaltlich gleichsam als Metapher einer undurchschaubaren, sich dem unmittelbaren Blick und Zugriff entziehenden Realitätsstruktur.
Einen Verweis auf Gegenständlichkeit geben zuweilen Binnenzeichnungen und sparsame Andeutungen in Form und Linie. Im Gemälde "Interieur" lassen Umrisslinien Mobiliar und Räumlichkeit erkennen, im Bild "Stilleben mit Geige" fixieren gleichsam verwischte Formen den Gegenstand.
Gert Claußnitzer verweist bei Bielohlaweks Arbeit auf die surrealistische Theorie vom Unbewussten: Hinter der sichtbaren Wirklichkeit der Dinge verleiht der Künstler dem Gesehenen eine ganz eigene transzendentale Bedeutung, die sich aus seinem individuell erlebten Verhältnis zur Umwelt ergibt und mit seinen Erfindungen anreichert. Dafür spricht auch die künstlerische Anwendung der Collage. Die Zeitungsausschnitte oder Zahlenspiele, als fremdartige Materialien ins Bild gesetzt, erzeugen einerseits eine zusätzlich verschlüsselnde Wirkung, andererseits vielleicht auch eine gewisse Zeitbedingtheit oder einen dokumentarischen Wert der künstlerischen Arbeit. "Gedachtes und Existentes wird verknüpft in der Sphäre einer illusionären Realität". (Claußnitzer 1996).

Lit.: Gert Claußnitzer: Vorhangbilder-Metaphern der Verfremdung. In: Werner Bielohlawek-Vorhangbilder etc. Ausstellung im Leonhardi-Museum Dresden vom 23.3. -21.4.1996. Dresden 1996.