081 Wilhelm Rudolph, Junge Hirschkuh, liegend. Vor 1920.
Wilhelm Rudolph 1889 Hilbersdorf b. Chemnitz – 1982 Dresden
Tempera auf Leinwand. Signiert "W. Rudolph." u.re. Verso auf dem Keilrahmen dreifach monogrammiert "W.R." sowie nochmals signiert "W. Rudolph.". In einer grau gefassten, profilierten Holzleiste gerahmt.
Vgl. motivisch: "Junge Hirschkuh", vor 1920, Tempera auf Leinwand, Städtische Kunstsammlungen Chemnitz, InvNr. 151, abgebildet in:
Herbert Eichhorn, Gisbert Porstmann, Ralf Gottschlich, Johannes Schmidt (Hrsg.): Wilhelm Rudolph, Das Phantastischste ist die Wirklichkeit. Malerei und
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Holzschnitte. Bielefeld 2014. S. 32, KatNr. 1.
Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Dresden 2003. S. 176, KatNr. 144.
Nach Rudolphs Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg im Herbst 1918 versuchte er, als Künstler in Dresden Fuß zu fassen. Anders als Otto Dix, der wie er in Bautzen für den Kriegsdienst ausgebildet wurde und ebenfalls 1915 an der Herbstschlacht in der Champagne teilnahm, thematisierte Rudolph seine traumatischen Kriegserlebnisse in seiner Kunst nicht. Das Grauen des Krieges führte ihn "nicht zur analytischen Durchdringung seiner Ursachen, sondern brachte ihn der Vorstellung von einer Natur, die den Menschen ausschließt, näher" (zitiert nach Eugen Blume: Expressionismus und Weltkrieg. Zu den Reaktionen von Max Beckmann, Otto Dix und Ernst Ludwig Kirchner. In: Expressionisten. Die Avantgarde in Deutschland 1905–1920. Stammhaus der Nationalgalerie, Berlin (Ost), 1986, S. 55).
So werden seine frühen Werke thematisch von Tieren als unschuldige Wesen bestimmt. "Die Tiere der frühen Bilder bis 1921 waren zunächst als symbolische Form gesehen, die diese Unschuld verkörperte. Sie kommen aus einer ähnlichen Auffassung wie die Tiere Franz Marcs. Während dieser aber begonnen hatte, die Form zugunsten eines übergeordneten kosmischen Zusammenhangs zu stilisieren, blieb für Rudolph der Tierkörper Ausdruck kreatürlicher Energien und gleichzeitig Anlass für Formversuche in der Malerei […] (zitiert nach: Martin Schmidt: Wilhelm Rudolph. In Licht und Dunkelheit des Lebens und der Natur. Dresden 2003. S. 26). "Rudolph konzentrierte sich auf das Einzelwesen, das im Frühwerk zunächst stärker als Typus 'zugerichtet' ist und dabei den starken Willen zur großen Formbildung verrät. […] Diese frühe junge Hirschkuh hat auch etwas von der Höhlenmalerei, von der Rudolph später in seinen Aufzeichnungen sprach." (zitiert nach Martin Schmidt, 15.01.2026).
Die Hirschkuh steht als Symbol für Reinheit, Ursprünglichkeit und Harmonie mit der Natur, die Betonung der Weiblichkeit wird verstärkt durch die in großen Teilen gelbe Fellfarbe. Der Zustand der Gelassenheit und Friedfertigkeit der Natur wird durch die Darstellung als ruhendes, liegendes Tier verdeutlicht. Die Darstellung steht diametral entgegengesetzt zu dem, was Rudolph in den vorangegangenen Jahren unfreiwillig erleben musste und sein Menschenbild wohl nachhaltig erschütterte. "Die Verweigerung, das Schreckliche abzubilden, dagegen das Unversehrte zu bewahren, war wohl nicht nur eine ästhetische Entscheidung. Sie hat etwas mit dem Menschenbild Rudolphs zu tun, dem die fragmentierten Leiber vorstellbar, aber nicht darstellbar sind" (ebenda, S. 23).
Wir danken Herrn Dr. Martin Schmidt, Berlin, für freundliche Hinweise.
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Leinwand mit sehr geringer punktuellen Deformation am Bildrand o.re. Malschicht entlang der Bildränder mit geringügigem Abrieb.
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34,5 x 44,5 cm, Ra. 47,5 x 58 cm.