233 Otto Dix "Operation". 1943.
Otto Dix 1891 Untermhaus/Gera – 1969 Singen am Hohentwiel
Prof. Dr. Rudolf Andler 1892 Ravensburg – 1944 Singen
Kohlestiftzeichnung über Bleistiftzeichnung auf gelblichem Karton, auf Pappe aufgezogen. In Blei signiert und datiert "DIX 43" u.re. Hinter Museumsglas mit UV-Schutz in einem ebonisierten niederländischen Wellenleistenrahmen gerahmt.
WVZ Lorenz IE 4.7.13.
Karton zu dem Gemälde "Die Operation" ("Prof. Dr. Rudolf Andler, Singen"), 1943, Mischtechnik auf Holz, 100 x 80 cm. WVZ Löffler 1943 / 8.
Vgl. motivisch auch "Bildnis Prof. Dr. R. Andler, Singen" (auch: "Bei einer
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Blinddarmoperation"), 1943, Mischtechnik auf Holz, WVZ Löffler 1943 / 7.
Provenienz: Norddeutscher Besitz; Süddeutsche Privatsammlung 2008; Auktionshaus Geble, Radolfzell, Auktion 53, 11/1999; Kunstgalerie Esslingen (Ralph D. I. Jentsch), 1976, Nr. 30.
Ausgestellt in:
Otto Dix: Zeichnungen, Aquarelle, Grafiken, Kartons; Kunstverein in Hamburg, 30. April bis 19. Juni 1977.
Otto Dix, Arbeiten auf Papier. Fischer Kunsthandel & Edition, Berlin, 03.09.-17.10.2009.
Otto Dix, Arbeiten auf Papier, Galerie Haas AG, Zürich, Okt. – Nov. 2009.
Sternstunden, Galerie Michael Haas, Berlin, 16.09.-15.10.2016.
Abgebildet in:
Uwe M. Schneede: Otto Dix: Zeichnungen, Aquarelle, Grafiken, Kartons; Kunstverein in Hamburg, 30. April bis 19. Juni 1977. Hamburg 1977. KatNr. 170, Abb. S. 124.
Olto Dix, Arbeiten auf Papier. Ausst. Kat. Fischer Kunsthandel 8. Edition, Berlin, 2009, S. 49 mit ganzs. Farbabb.
Otto Dix, Arbeiten auf Papier. Ausst. Kat. Galerei Haas AG, Zürich, 2009, S. 49 mit ganzs. Farbabb.
Sternstunden. Ausst. Kat. Galerie Michael Haas, Berlin, 2016, S. 25 mit ganzs. Farbabb.
Otto Dix hat Kartons als maßstabsgetreue Vorarbeiten für Gemälde seit der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wiederholt angefertigt. Wichtige Beispiele dafür sind der Karton für das "Kriegs"-Triptychon (1928–30), das "Großstadt"-Triptychon (1927/28) oder auch der Karton zu "Sieben Todsünden" (1933).
Vorliegender Karton entstand im Vorfeld der Arbeiten zu dem Gemälde "Die Operation", 1943. Dix hat sich dem Motiv zunächst in zahlreiche Skizzen genähert. Das Gemälde "Die Operation" gehört zu den eindringlichsten Werken aus der Zeit der Inneren Emigration. Im selben Jahr entstand zudem das "Bildnis Prof. Dr. R. Andler, Singen" (WVZ Löffler 1943 / 7). "Operation" zeigt eine medizinische Szene von beängstigender Intensität. Drei Ärzte beugen sich über einen Patienten während eines chirurgischen Eingriffs. Die Darstellung wirkt distanziert und zugleich beklemmend. Der menschliche Körper erscheint fragmentiert und verletzlich. Dix inszeniert den Eingriff mit einem nahezu theatralischen Hell-Dunkel: grelles Licht hebt das Geschehen hervor, während der Hintergrund im Schatten verbleibt. Von den vier dargestellten Personen sind zwei namentlich bekannt: Oben rechts operiert Prof. Dr. Andler, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Chirurgie am Städtischen Krankenhaus in Singen. Sein Kopf ist über den offenen Körper gebeugt, in den Händen hält er Retraktoren. Ganz links angeschnitten ist Schwester Jucunda, eine Franziskanerin, die als Andlers Krankenschwester tätig war, zu sehen. Die Personen wirken konzentriert, beinahe mechanisch, und tragen so zu einer Atmosphäre der Distanz und Entfremdung bei.
Im Vergleich zu Dix' Arbeiten aus den 1920er Jahren zeigen sich deutliche Unterschiede. Werke wie "Kriegskrüppel" oder das "Großstadt"-Triptychon zeichnen sich durch eine schonungslose, oft groteske Überzeichnung der Realität aus. Dix stellte die gesellschaftlichen Folgen des Ersten Weltkriegs drastisch dar: verstümmelte Körper, soziale Randfiguren und moralischen Verfall. Die Linienführung ist scharf und die Figuren wirken bewusst entlarvend und karikierend.
Im Gegensatz dazu wirkt "Operation" weniger provokativ, aber nicht weniger intensiv. Die Brutalität ist hier subtiler: Sie liegt nicht mehr in schockierenden Details, sondern in der Atmosphäre der Entmenschlichung und klinischer Kälte. Zwar erkennt man noch Dix' präzisen Blick auf den menschlichen Körper und seine Verletzlichkeit als ein Echo seiner früheren Kriegsdarstellungen. Jedoch klagt die Darstellung nicht mehr offen an und erscheint formal kontrollierter, was auf die Anpassung des Künstlers an die restriktiven Bedingungen im nationalsozialistischen Deutschland hinweist.
Das Werk kann als eine verdichtete Weiterentwicklung Dix' zentraler Themen gesehen werden: Körperlichkeit, Leid und die Fragilität des Menschen. Es verbindet die schonungslose Beobachtungsgabe der 1920er Jahre, die formale Strenge und Rückbesinnung der 1930er Jahre sowie die stille, oft ambivalente Atmosphäre der Landschaftsbilder der 1940er Jahre. Dabei ist ein grundlegender Wandel in der thematischen Auffassung festzustellen: "Wo er früher lediglich die Verwundeten gezeigt hatte, zeigte er nun, wie die Verwundeten geheilt wurden. Es ist immer noch Krieg, aber in einer anderen Gestalt: Die Bilder bleiben verzerrt, Leben und Tod stehen weiterhin auf dem Spiel, der Ausgang ist wie immer ungewiss, doch die Verzweiflung und Sinnlosigkeit sind einem stillschweigenden Glauben an die Zukunft gewichen. Warum sonst würden Chirurgen operieren, Maler malen und Patienten Hilfe suchen?" (Southgate, S. 1110).
Lit.:
Eugen Keuerleber: Otto Dix zum 80. Geburtstag; Gemälde, Aquarelle, Gouachen, Zeichnungen und Radierfolge "Der Krieg"; 2. Oktober bis 28. November 1971. Stuttgart 1971.
Uwe M. Schneede: Otto Dix: Zeichnungen, Aquarelle, Grafiken, Kartons; Kunstverein in Hamburg, 30. April bis 19. Juni 1977. Hamburg 1977.
Fritz Löffler: Otto Dix.1891–1969. Oeuvre der Gemälde. Recklinghausen 1981.
Otto Dix, Wulf Herzogenrath (Hrsg.), Johann-Karl Schmidt (Hrsg.) : Dix. Galerie der Stadt Stuttgart, Nationalgalerie, Staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz Berlin. Stuttgart 1991.
Therese M. Southgate: Die Operation (Prof. Dr. R. Andler, of Singen). JAMA 282, 1999. S. 1110.
Ulrike Lorenz; Otto Dix Stiftung Vaduz (Hrsg.): Otto Dix, das Werkverzeichnis der Zeichnungen und Pastelle. Band IV, Innere Emigration, Teil 1. Weimar 2003.
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Bildträger mit Reißzwecklöchlein aus dem Werkprozess, im li. Randbereich mit sechs waagerechten Knickspuren (wohl aufgrund einer ehemaligen Rollung, ca. 3 – 8 cm), im re. Randbereich mit zwei waagerechten Knickspuren (ca. 16 cm und 35 cm), die o. mit Knitterspuren an der Blattkante, die untere mit unscheinbarem, bräunlichen Rand eines Flüssigkeitseintrags. Weitere vereinzelte bräunliche Fleckchen auf der Bildfläche. Kleinere Griff- und Knickspuren im Randbereich sowie im u. Bildbereich.
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95 x 88,8 cm, Ra. 123 x 105 cm.