048 George Grosz "Self-portrait with Paintbrush" (Selbstbildnis mit Pinsel). 1938.
George Grosz 1893 Berlin – 1959 ebenda
Öl auf Pariser Leinwand. Verso o.Mi. in schwarzem Pinsel signiert, datiert und ortsbezeichnet "George Grosz 1938 January DOUGLASTON L[on]g. Isl[and]" sowie u.re. mit dem Nachlass-Stempel des Künstlers und der Nummerierung "1/7/6" versehen. Auf der o. Spannrahmenleiste wohl von Künstlerhand in schwarzem Kugelschreiber nummeriert "X-II", betitelt sowie re. in blauem Stift nummeriert "B. 8350". Die seitlichen Spannrahmenleisten mit verschiedenen Nummerierungen in weißer Kreide, die u. mit
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einem Herstelleretikett "20 Paris deposé P / 73 x 54" sowie nochmals mit der Nachlass-Nr. "1/7/6". Auf der Mittelstrebe in blauer Kreide nummeriert "CK 158", ein nummeriertes Klebeetikett "MUN 7513", eine in brauner Farbe gestrichene Betitelung sowie mit einer undeutlichen Bezeichnung in Blei. In einer ebonisierten, gekehlten Leiste mit goldfarbener Sichtleiste gerahmt.
Provenienz: Deutsche Privatsammlung; Galerie Jörg Maaß, Berlin, 2011; Sheldon Ross Gallery, Birmingham, Michigan; Nachlass des Künstlers.
Ausgestellt in: George Grosz. Arbeiten aus fünf Jahrzehnten. Berlin, Kunsthandel Jörg Maaß, 2011, KatNr. 23, abgebildet S. 79 sowie auf dem Cover.
Die Kennzeichnung auf dem rückseitigen Pariser Herstelleretikett bezieht sich auf ein französisches Standardmaß für Malereileinwände (Châssis), das im 19. Jh. festgelegt wurde. "20" steht für eine standardisierte Kantenlänge (73 x 54 cm) und "P" für Paysage (Landschaft). Viele Künstler, u.a. Vincent van Gogh und Pablo Picasso nutzten Leinwände in genau diesem Format "20 P" für ihre Werke.
Mitte Januar des Jahres 1933 verließ George Grosz das nationalsozialistische Deutschland, um den politischen Entwicklungen in seiner Heimat zu entkommen und in Amerika für einige Jahre eine neue Existenz aufzubauen. Zwei Wochen später und nur einen Tag nach der Machtergreifung Adolf Hitlers stürmten am 31. Januar SA-Truppen Grosz' Wohnung und Atelier in Berlin. Der Künstler wurde zum Regimegegner erklärt, seine Werke wurden beschlagnahmt, am 8. März folgte die Ausbürgerung.
In New York sicherte sich Grosz seinen Lebensunterhalt durch eine Lehrtätigkeit am "The Art Students League". 1937 erhielt er das zweijährige Guggenheim-Stipendium, was ihm etwas finanzielle Unabhängigkeit verschaffte. Währenddessen wurden seine Werke in Deutschland als Teil der Wanderausstellung "Entartete Kunst" diffamiert, 283 Arbeiten wurden aus deutschen Museen entfernt und Grosz als "einer der übelsten Vertreter der entarteten Kunst" verunglimpft.
Diese Entwicklungen in seiner Heimat trafen den Künstler zutiefst und fanden thematisch Eingang in seine neuen Werke – als apokalyptische Landschaften oder Kriegsdarstellungen. "Vieles löste sich da in mir, dass Deutschland hatte einfrieren lassen, und ich entdeckte nun in Amerika aufs neue die Lust am Malen. Absichtlich verbrannte ich mit Sorgfalt einen Teil meiner Vergangenheit. […] Wenn ich zeitweise unter tiefen Depressionen litt, so hatte das mit Amerika nichts zu tun. Es war wie ein zuckender und bedrohender Wetterschein, wie ferne Feuersbrünste und Blutgeruch. Ich malte diese Gesichte [sic!] von Ruinen, in denen der Brand noch wühlte. Das war lange vor dem Kriege. […]. (Grosz, S. 347).
Der Ortswechsel bedeutete für Grosz jedoch nicht nur geografische, sondern auch stilistische und inhaltliche Transformation. Zunächst widmete sich Grosz nur der Illustration, ab 1934 wandte er sich auch wieder der Malerei zu. Charakteristisch für diese Zeit ist eine stärkere Hinwendung zur traditionellen Malweise und zu klassischen Techniken, die er als Student bei Richard Müller erlernt hatte. Sein Stil wurde naturalistischer und er reduzierte karikaturhafte Überzeichnungen. "In jener Zeit nun, während ich mich bemühte, den Amerikanern zu liefern, was sie von mir wollten, und ihnen zu verkaufen, was sie von mir kannten, trat unversehens selbst eine Wandlung in mir ein [...]. Mich interessierten einfach die Menschen, als Einzelwesen mit ihren komischen Eigenschaften, nicht mehr so wie früher [...]. Es war kein Herausgehen, keine Flucht; es war ein Herantreten und Hineingehen." (ebenda, S. 281f).
Vorliegendes Selbstbildnis zeigt den Künstler als isolierte Figur. Nachdenklich. Zweifelnd? Diese Nachdenklichkeit unterstreicht das Attribut der Pfeife. Die ruhige Komposition, in der die Figur das gesamte Bildformat ausfüllt, erzeugt ein Gefühl der Selbstsicherheit. Und dennoch wirkt das Porträt aufgrund der blutroten Farbigkeit des Hintergrunds und Teilen des Inkarnats bedrohlich. Diese Ambivalenz beschrieb Grosz auch in seinen Lebenserinnerungen: "Auch Schrecknisse leben noch in mir, aber diese Visionen, diese Träume sind nicht mehr Zerrbilder. Sie sind auch weder erfunden noch ausgedacht noch "innerlich gesehen" […]. Sie sind aus apokalyptischem Stoff gemacht und geben Kunde vom Dualismus der Welt und von ihrer anderen Seite – nicht der des Blühens, nein, von Mord, Brand, Grauen und Tod. Ich fühle, das glaube ich sagen zu können, in mir ein gutes Erbteil alter deutscher Tradition. Es liegt an dieser Tradition, daß ich eben immer die Zweiteilung sehe – Leben und Tod – und nicht mehr flach optimistisch immer nur rufe: "Leben! Leben! Leben!"" (ebenda, S. 283).
Juerg Judin, Ralph Jentsch, George Grosz, Barbara McCloskey: George Grosz: die Jahre in Amerika 1933 – 1958 ; anlässlich der Ausstellung "George Grosz. Die Jahre in Amerika 1933 – 1958", Nolan Judin Berlin, 18. Februar – 25. April 2009, David Nolan Gallery, New York, 16. September – 31. Oktober 2009. Ostfildern 2009.
George Grosz: Ein kleines Ja und ein großes Nein. Sein Leben von ihm selbst erzählt. Frankfurt am Main 2009.
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Bildträger in der u.li. Ecke leicht wellig. Malschicht mit wenigen Sprüngen im Bereich der o.li. Stirn, ebenda zwei kleinen Retuschen und eine weitere im Bereich der Haare o.Mi. Die äußerste Bildkante o.re. mit kleinen Retuschen sowie drei weitere winzige auf der Bildfläche verteilt. Ra. mit ganz vereinzelten, unscheinbaren Kratzspuren.
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73 x 54 cm, Ra. 85 x 65,7 cm.