280 Porträtsammlung Bernigeroth - Zwei Generationen
Leipziger Kupferstecher.
130 Werke der Künstlerfamilie Bernigeroth umfasst die Sammlung Sahrer von Sahr: von Martin Bernigeroth und seinen Söhnen Johann Martin und Johann Benedikt.
Der Vater war es, welcher „die Kupferstecherei in Leipzig wenigstens bis zu einem gewissen Grade aus dem Bereiche des Handwerks in den der Kunst emporgehoben, in drei Jahrzehnten eine erstaunliche Tätigkeit entfaltet und dabei selbst wieder eine Anzahl zum Teil recht tüchtiger Schüler herangebildet hat.“ (zitiert nach Wustmann,
...
S.3).
In der Messe- und Buchhandelsstadt Leipzig wohnhaft, fanden die Werke im 18. Jh. eine überregionale Abnehmerschaft: „Während noch in der Zeit von 1680 bis gegen 1700 wohlhabende und kunstsinnige Leipziger […] ihre Bildnisse in Augsburg hatten stechen lassen […], geschah das jetzt nur noch äußerst selten. Bernigeroths Kundschaft ging aber weit über Leipzig hinaus.“ (zitiert nach Wustmann, S.51). Ähnlich dem Einzugsgebiet der großen Leipziger Warenmesse, erstreckte sich die bürgerliche und adlige Kundschaft der Künstlerfamilie über Thüringen, Obersachsen, Niedersachsen, Franken, Brandenburg, die Ober- und Unterlausitz, Schlesien, Nürnberg bis nach Frankfurt am Main und Danzig (Vgl. Weidler, S. 8f.).
Martin Bernigeroth (1670–1733) zog um 1685 nach Leipzig und lernte bei dem Maler und Kupferätzer Erasmus Andresohn. Schon nach einem dreiviertel Jahr beendete er die Ausbildung und finanzierte seinen Lebensunterhalt mit eigenen Aufträgen, die Gründung einer Werkstatt folgte. Im Jahr 1707 wurde Bernigeroth zum sächsisch-kurfürstlichen Kupferstecher bestallt. Nach der Vermählung 1710 mit Rosine Katharine Ettel, der Tochter eines Leipziger Kaufmanns, folgte die Geburt von sieben Kindern, welche teils früh verstarben. Die Familie bewohnte „Hahns Haus“ in der Grimmischen Gasse, Ecke Ritterstraße.
Johann Martin (1713–1767) und Johann Benedikt (1716–1764) nahmen ihrerseits den Beruf des Vaters auf. Er bildete seine Söhne aus und sie arbeiteten gemeinsam in der Werkstatt bis zu seinem Tod im Jahr 1733. Im selben Jahr folgte Johann Martin der Position seines Vaters und führte das Unternehmen mit großem Erfolg weiter. Er fertigte Stiche von hoher künstlerischer Qualität, welche besonders durch sein Talent in der Wiedergabe von Textilien und Rokoko-Ornament gekennzeichnet sind (Vgl. Weidler, S.13).
Die Werksdichte Johann Benedikts hielt sich dagegen sehr gering, arbeitete er vor allem als Gehilfe in der Werkstatt (Vgl. Weidler, S.11). Im Sommer 1735 heiratete Johann Martin die Tochter eines Leipziger Kramers, Rahel Charlotte Buchner. Die Familie verlegte ihren Wohnort auf die Burgstraße und lebte zeitweise auch auf dem Neumarkt im „Haus Hohe-Lilie“, wie die Bezeichnung des Porträts des Johann Adolph II., Herzog von Sachsen-Weißenfels (Kat. 290) besagt: „Se vend a Leipsig chez I.M.Bernigeroth, rue de neu-Neumarckt, pres de la Hohe-Lilie, dams la Maison de Mons. Heinicke.“. Im Jahr 1762 wurde Johann Martin, wie zuvor sein Vater, in das Amt des kurfürstlich-sächsischen Kupferstechers erhoben. Aus der Werkstatt der Bernigeroths gingen mehrere Schüler hervor. Das Allgemeine Künstlerlexikon benennt hierbei Christian Fritsch (Fritzsch), Gottfried August Gründler, Johann Christian Marchand, Christian Seitzschen, Johann Christoph Sysang. Letzterer stach auch das Bildnis seines Meisters in Kupfer.
Ein maßgeblicher Anteil der über 2000 durch die Familie Bernigeroth gefertigten Porträtstiche bediente ein besonderes Metier, das seinen Ursprung in der Mitte des 16.Jh. hat. Als neue Art der Personalschrift formte sich in den Gebieten lutherischen Glaubens die sog. Leichenpredigt. Hinter diesem makaber anmutenden Begriff verbirgt sich ein individuelles Konvolut, welches meist durch ein Porträt des Verstorbenen eröffnet wird. Mit dem Lebenslauf, sowie persönlichen, meist lyrischen Widmungen vervollständigt, dienten diese Schriften der würdevollen Erinnerung an den verschiedenen Liebsten. Ganze Bücher in Quart oder Folio überlieferten sich aus jener Zeit und bilden nun einen wichtigen Bestandteil der Familienforschung. Ende des 17. Jh. lösten sich die Bildnisse aus ihrem schriftlichen Kontext und wurden während der Trauerfeier auch einzeln an die Angehörigen verteilt. Die Entstehung dieser Porträts, in bürgerlichen und adligen Kreisen üblich, fand teilweise schon vor dem Todeszeitpunkt und oftmals nach Vorlage bereits gefertigter Gemälde statt, sodass eine nachträgliche Bezeichnung von Lebensdaten oder das Anfügen individueller Poesie unterhalb der Darstellung erfolgen konnte. Posthum gestochene Bildnisse wurden meist mit Vanitas-Motiven, wie Totenschädeln, brüchigen Architekturelementen oder Urnen vervollständigt. Attribute, welche auf den Adels- oder Berufsstand verweisen wurden ebenso hinzugefügt wie Landgüter und Herrensitze, welche sich im Hintergrund des Dargestellten erstreckten.
Nur einige wenige Motive aus dem großen Werkumfang der Künstlerfamilie Bernigeroth fanden bis zum Zeitpunkt Zugang zum Kunstmarkt. Erstmals kann mit der vorliegenden Sammlung ein umfassender Werkanteil angeboten werden.
Literatur: Weidler, Wilhelm: Die Künstlerfamilie Bernigeroth und ihre Porträts, Altona 1914.
Wustmann, Gustav: Der Leipziger Kupferstich im 16., 17. und 18. Jahrhundert; in: Neujahrsblätter der Bibliothek und des Archivs der Stadt Leipzig, Ausg. III/1907, Leipzig 1907, S.33-60.
Systematik der Künstlersignaturen
Der Tod des Martin Bernigeroth 1733 gilt als Zäsur, welche die Werke von Vater und Sohn trennt. In jenem Jahr war Johann Martin 20 Jahre alt. Obgleich er bis dahin als Gehilfe agierte, hatte er rasch das Niveau seines Vaters erreicht und übertroffen, wie das Bildnis des Andreas Adrian Borcke belegt (Kat. 304), welches Johann Martin sechs Jahre nach Übernahme der Werkstatt fertigte.
Von Martin noch vor der Ausbildung seiner Söhne gesetzt:
Bernigeroth sc. Lips.
Bernigeroth sc.
Bernigeroth fecit Lips.
Bernigeroth sculps.
Grave par Bernigeroth
Bernigeroth, del. et sculps. Lips.
fait a Leipsig par Bernigeroth Graveur Royal
Bernigeroth Inv. et fecit Lipsiae.
fait a' Leipsig par Bernigeroth Gr. Royal
M.B. sc.
Offert humilimus Servus M. Bernigeroth Sculptor
Bernigeroth Invent. et Sculps. Lips.
Bernigeroth sc. Lips.1713
Während der Tätigkeit der gesamten Familie in der Werkstatt gesetzt:
Bernigeroth sc. Lips.
Bernigeroth sculps. Lips.
Bernigeroth sc. Lipsiae
Von Johann Martin gesetzt:
J. M. Bernigeroth sc. Lips. 1751.
J.M.Bernigeroth sc. Lipsiae. 1742.
J.M.Bernigeroth sculps. Lipsiae 1753.
J.M.BernigerothSculptEl:Sax:sc:Lips:1767.
I.M.Bernigeroth sc. Lips:1760.
M.Bernigeroth filius sc. Lipsiae.
J.M. Bernigeroth Sculptor Reg. Pol. sculps. Lips. 1763.
Gestochen von I.M.Bernigeroth in Leipzig 1740.
M. Bernigerothi filius sculps
Abb.: © Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
http://portraits.hab.de/werk/25102/bild/.htm
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